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13.04.2026 10:00 Uhr

Joachim Streich nach Strich und Faden

In der Fußball-Terminologie ist der Begriff „Strich“ mit einem akkurat gesetzten Torschuss assoziiert. Der „Faden“ impliziert den anständigen Bums dahinter. Spezialitäten des Torjägers Joachim Streich. Ein Stück Erinnerungskultur an den Mann, der einst als Wismarer Jung auszog um im Fußball auch via Hansa-Kogge die Weltklasse anzusteuern. Am 13. April wäre Joachim Streich 75 geworden.

F.C. Hansa Rostock

Ein Telefonat rund um den Siebzigsten. „Achim, lass uns über deine Laufbereitschaft reden.“ Und Streich fragte lachend: „Etwa die in Bulgarien?“ Jawohl! Ende Februar 1979 absolvierte die DDR-Nationalmannschaft in Burgas ein Länderspiel gegen Bulgarien (0:1) und Streich lieferte wieder einmal eine Partie ab, bei der kein Bewegungsmelder angeschlagen hätte. Die Sportjournaille tobte und kein Geringerer als der Chefredakteur der Fußballfachzeitung „Neue Fußballwoche“ (FUWO), Klaus Schlegel, empfahl in einem Anflug von Resignation, künftig gänzlich auf den Spieler zu verzichten. Kein halbes Jahr später setzte sich Streich in einem Votum der DDR-Sportjournalisten zur von der FUWO organisierten Wahl des „Fußballer des Jahres“ durch und Schlegel übernahm die ehrende Proklamation. Streichs Replik, Jahrzehnte später, lautete trocken: „Ich kam mit Journalisten gut zurecht!“

Wenigstens mit denen, möchte man meinen, denn viele seiner Trainer verzweifelten an ihm. Schon gleich der erste Coach, der ihn entdeckte, auch förderte, aber so unbefriedigend wie nur möglich fordern konnte: Horst Saß. Ein Mann, der Fußball in wissenschaftliche Relationen stellte und damit Fußball-Granden wie Herbert Pankau vergraulte, analysierte messerscharf Streichs Dysfunktion zu Konstitution und Kondition um diametral dessen Technik, Spielintelligenz und Intuition zu lobpreisen. Streich durfte anheuern auf der Kogge. Mit 21 Jahren war er schon deren Kapitän. 141 Oberligaspiele mit 58 Toren markierten die unumstrittene Bilanz für einen Umstrittenen, der nach der Abstiegssaison 1974/75 zum 1.FC Magdeburg wechselte.

Der Börde-Club war 1975 im DDR-Fußball das Maß der Dinge: Gerade wieder Meister geworden, der Sieg im 74er- EC-Finale der Pokalsieger gegen AC Mailand (2:0) noch konturenfest in der Erinnerung, aber mit einer beklagten Vakanz auf der Stürmerposition neben Sparwasser und Hoffmann. Die Rettung hieß Streich! Der Lückenfüller im Star-Format! Fortan schien die Dominanz im DDR-Fußball in Stein mit Meißel gehauen. Das Gegenteil trat ein. „Es könnte an mir gelegen haben“,  sinnierte lächelnd Streich. So kurios es auch anmutete, dass Magdeburg seit Streichs Mission mit der Meisterschaft nur in zaghaften Annäherungsversuchen anbändelte, für die Ursachenforschung taugte dessen Leistung allenfalls marginal. 237 Punktspiele mit 171 Toren, viermal Torschützenkönig und dreimal Pokalsieger – „die Zahlen sprechen für mich“, lautete Streichs ewiges Credo.

Ausgerechnet Georg „Schorsch“ Buschner, der logisch ewig umstrittene Auswahltrainer, der sich freizügig in Härte und Sturheit entfaltete, hatte seinen Frieden mit Streich gefunden: „Achim ist ein typischer Leck-mich-am-Arsch-Fußballer“. Was Buschner meinte: Er konnte Streich nicht dazu animieren auf dem Rasen von Pontius bis Pilatus zu laufen, aber er durfte dessen List, Schläue und Tore einfordern. Und Streich lieferte. In 102 Länderspielen traf Streich 55mal – beides Rekorde für alle Ewigkeit. Ein Kapitel für sich waren Streichs Tore. In allen Lagen, im Liegen, im Köpfen, per Fallrückzieher oder im Scherenschritt. „Hätte ich so getroffen, wenn ich so viel gelaufen wäre?“. Streich, das Schlitzohr!

Am 22. Oktober 1983 spielte Hansa gegen den 1.FC Magdeburg (0:0) und Joachim Streich bewegte sich wie bei einem Stehbankett. „Die Gäste spielten quasi nur mit zehn Mann“, schimpfte FUWO-Reporter Joachim Pfitzner . Eine Woche später zahlte Streich zurück. Beim 4:1 gegen den Meister BFC Dynamo traf Streich dreimal spektakulär. Und zwar mit Strich und Faden!