09.04.2026 19:44 Uhr
Am 24. April 2026 ist die DDR-Nationalmannschaft, die 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal (Kanada) Gold gewonnen hat, im Ostseestadion zu Gast. 50 Jahre nach dem großen Erfolg gibt es ein Wiedersehen mit den Legenden von damals, Karten für diese Gesprächsrunde gibt es im Ticketshop des F.C. Hansa unter tickets.fc-hansa.de.
Einer, der dabei alle Spiele mitgemacht hat und deshalb zu den 17 Spielern gehört, die Olympiasieger 1976 im Fußball geworden sind, ist Hansa-Legende Gerd Kische. Wir haben das Mitglied unserer Ehrengarde im Vorfeld der Talkrunde zu einem kurzen Gespräch getroffen.
FCH.de: Welche Erinnerungen an die Olympischen Spiele 1976 in Montreal hast du?
Gerd Kische: Im Großen und Ganzen nur Positive. Wobei: Ins Turnier sind wir gegen eine ganz starke brasilianische Mannschaft „nur“ mit 0:0 gestartet, da gab es dann gleich einen Anranzer von DTSB-Chef Manfred Ewald. Der war damit gar nicht zufrieden und wollte uns nach Hause schicken. Das war aber das einzig Negative, es ging ja dann sehr erfolgreich weiter und endete mit Gold. So etwas vergisst man natürlich nicht und behält es immer im Hinterkopf, als einen der größten sportlichen Erfolge seiner Karriere.
FCH.de: Ihr hattet eine wirklich gute Mannschaft zusammen, trotzdem war der Olympiasieg nicht unbedingt zu erwarten, die Konkurrenz – gerade unter den Ostblock-Staaten – war groß. Wie überrascht wart ihr, dass ihr es am Ende wirklich geschafft habt?
Gerd Kische: Die Polen waren Titelverteidiger von 1972 und Dritter bei der Weltmeisterschaft 1974, die Sowjets waren 1972 Vize-Europameister und in München zusammen mit uns Dritter bei den Spielen 1972 geworden, dazu die technisch guten und jungen Teams aus Brasilien und Frankreich. Es waren also schon starke Mannschaften dabei, keine Frage. Aber am Ende haben wir uns durchgesetzt, weil wir eine gut eingespielte Mannschaft waren. Wir hatten ein Gerüst aus sechs Spielern von Dynamo Dresden und wir anderen kannten uns auch sehr gut. Es war eine sehr harmonische Mannschaft, die noch besser zusammengepasst hat als bei der WM 1974.
FCH.de: Nach der Vorrunde (0:0 Brasilien, 1:0 Spanien) gings im Viertelfinale gegen Frankreich und ihr habt 4:0 gewonnen. Euer bestes Spiel bei den Spielen?
Gerd Kische: Die Franzosen hatten eine richtig gute Truppe, von den Namen her waren da wirklich gute Leute dabei. Aber nach dem 2:0 nach einer Stunde und zwei roten Karten wollten die Franzosen nur noch nach Hause. Wir haben das dann runtergespielt und sind sicher ins Halbfinale eingezogen…
FCH.de: … wo dann der „große Bruder“ aus der Sowjetunion wartete. Gabs eine Anweisung „von oben“, dass ihr vielleicht nicht mit 100 % Einsatz spielt, damit die Sowjets ins Finale kommen?
Gerd Kische: Nein, es gab keine Vorgaben. Da gab es vorher andere Spiele, wo man uns gesagt hatte, dass wir nicht unbedingt gewinnen müssen. Solche Ansagen hatten wir, die damals schon dabei waren, noch gut im Ohr. Deshalb war es uns eine große Freude gegen sie zu spielen, weil sie hin und wieder doch etwas überheblich und siegessicher aufgetreten sind. Um so mehr haben wir uns gefreut, dass wir sie 2:1 besiegt haben und ins Endspiel gekommen sind.
FCH.de: Das Finale gegen die Polen lief dann perfekt für euch, nach 15 Minuten stand es 2:0 und ihr hattet schon früh eine Hand an der Goldmedaille.
Gerd Kische: Ich sage es gern noch mal: Wir hatten damals eine super Truppe am Start! Es war eine so fleißige Mannschaft, im Mittelfeld mit den Dresdnern, die ständig in Bewegung waren, das war sagenhaft. Und deshalb haben wir am Ende auch verdient mit 3:1 gewonnen und die Goldmedaille geholt. Das war kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von guter Arbeit und der richtigen Mischung in der Mannschaft.
FCH.de: Welchen Anteil hatte der Trainer Georg Buschner an diesem Erfolg?
Gerd Kische: Ich sage nach wie vor: Georg Buschner ist einer der größten Trainer, die Deutschland je hervorgebracht hat. Das wurde leider nie so richtig gewürdigt, was sehr schade ist. Der hat Zuckerbrot und Peitsche immer im richtigen Maß eingesetzt und unheimlich gut taktisch gearbeitet. Der war seiner Zeit weit voraus - und ich traue mir zu, das einzuschätzen, denn ich habe in meiner aktiven Karriere und auch als Funktionär etliche Trainer kennengelernt, aber so großartig wie Buschner war keiner.
FCH.de: Wie hast du die Spiele insgesamt erlebt, konntest du die besondere Olympia-Atmosphäre aufnehmen?
Gerd Kische: Ja, wir waren einer der letzten Wettkämpfe, das Finale war am letzten Tag im ausverkauften Olympiastadion von Montreal mit mehr als 75.000 Zuschauern, das war schon etwas ganz Besonderes für uns als Mannschaft und das gesamte DDR-Olympia-Team – einschließlich der Politiker. Die haben mehr gefeiert und getrunken als die Sportler, das würde es heute so wahrscheinlich gar nicht mehr geben.
FCH.de: Was ist dir noch im Gedächtnis geblieben von diesen Spielen in Montreal?
Gerd Kische: Was man nicht vergessen darf, es waren die ersten Spiele nach München 1972, mit dem schrecklichen Attentat auf das israelische Team mit mehreren Toten. Deshalb waren die Sicherheitsvorkehrungen enorm hoch. Wir durften nur in größerer Runde mal in die Stadt gehen, da hat man sehr aufgepasst.
Und wir konnten uns natürlich auch andere Wettkämpfe ansehen, ich war zum Beispiel einen Tag vor unserem Finale beim Hochsprung der Frauen, wo Rosemarie Ackermann für die DDR auch Gold geholt hat, das war schon beeindruckend.
Und die gesamte Atmosphäre war einmalig, so viele Sportler aus aller Welt, die sich gut verstanden und nach den Wettkämpfen viel gefeiert haben. Und ich erinnere mich, dass unheimlich viele Sportler ihre Anstecknadeln als Erinnerungsstücke getauscht haben, das war schon was ganz Besonderes.
FCH.de: Wo ist denn deine Goldmedaille? Bringst du uns die am 24. April 2026 zum „Legenden-Abend“ mit ins Ostseestadion?
Gerd Kische: Die habe ich meiner Tochter geschenkt, sie wollte sie unbedingt haben und sie passt gut drauf auf. Da brauche ich auch keine Angst zu haben, sie wird sie nicht verkaufen – im Gegenteil, bei ihr ist sie in sehr sicheren Händen. Aber für unsere Treffen im Ostseestadion werde ich sie abholen und mitbringen.
FCH.de: Vielen Dank für das Gespräch, wir freuen uns sehr auf den 24. April 2026 und weitere Geschichten und Anekdoten.