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02.09.2026 10:30 Uhr

Spielt einer von euch Cello, Jungs?

Wie Frühbucher schien Hansa sich im Vorjahr beizeiten zu orientieren. Die Kogge steuerte stramm Richtung Regionalliga. Platz 15 nach 9 Spieltagen. Schaurig klingende Chöre hoben Klagelieder an auf den Abgesang. Als am 10. Spieltag die Hanseaten in Duisburg 1:2 zurücklagen, suchten erste Verzagte nach Orten wie Meuselwitz, Luckenwalde oder Altglienicke. Der widerspenstige Cedric Harenbrock bereitete mit seinem 2:2 dem Spuk ein Ende. Eine Woche später klang alles ganz anders: Eine Melodie (gut spielen) bekam ihren Refrain (3:0 gegen ein keineswegs schlechtes Wehen Wiesbaden). Es ging doch!

F.C. Hansa Rostock

Fußballer, die ihre Fitness weniger im Training, sondern eher mehr im Spiel entfalten, sind zwar anachronistisch im Sinne der Sportwissenschaft, exotisch sowieso, aber auf keinen Fall geringzuschätzen. Beispiel gefällig? Marcel „Cello“ Ziemer. Dem Mann (in 238 Drittligaspielen mit 74 Toren der Sechstbeste in der ewigen Bestenliste!) gehören heute immer noch die schönsten Loblieder gesungen. Von 2014 bis 2018 schnürte Ziemer für Hansa die Töppen. Mit vier Toren in Regensburg am 5. Spieltag der Saison 2014/15 signalisierte „Cello“ der Liga: Hört ihr mich?  Ohne seine 18 Treffer in dieser höchst abstiegsgefährdeten Saison wäre das Gedicht „Fisches Nachtgesang“ von Christian Morgenstern zur Hansa-Vereinshymne geworden!

Eine Saison später, am 30. Spieltag, trafen sich die sportlich Enttäuschenden: Hansa (Platz 14) gegen Wiesbaden (Platz 19). Wie zur gefälligen Garnierung die Bedingungen. Ein schwer malträtierter Rasen, eher geeignet für fußballerisches Vertikutieren der Wiese als für Fußball. Beide Mannschaften schufteten sich mühselig über das Geläuf. Als Melvin Platje für Hansa das 1:0 markierte, schnaufte der unverzagte Ziemer wie ein Ackergaul noch gut durch. Dass er Torjäger war, gab er nicht preis. Mit Beginn  der zweiten Halbzeit mutierte Ziemer vom Gaul zum Ross. Zum hohen Ross, wohlgemerkt, denn binnen zwei Minuten traf der Goalgetter zweimal. Urplötzlich wich fußballerisch die schwere Symphonie der leichten, der Unterhaltungsmusik. Und „Cello“ mittendrin. Ziemer hier, Ziemer da, Ziemer allüberall und schließlich auch brillanter Vorlagengeber für Stephan Andrist, der das 4:0 besorgte.

Nachgefragt im Hier und Heute: Spielt einer von euch Cello, Jungs?