09.03.2026 10:26 Uhr
Das erste Heimspiel gegen den MSV Duisburg im gesamtdeutschen Profifußball endet am 6. März 1992 mit 0:0. Es ist der 27. Spieltag der Bundesliga und über das Spiel redet hinterher kein Mensch mehr. Aber es gibt ein Danach. Und das hat es in sich.
Vorspiel. Im Sommer 1990 ist die Hansa-Klubhistorie unterschwellig mit vielen Konjunktiven verwoben. Eine Heerschar guter und sehr guter Spieler von A (wie Ronald Adam) bis Z (wie Kurt Zapf) hätte es verdient gehabt, wenigstens einmal im Laufe ihrer Karriere als Meister gehuldigt zu werden. Stattdessen: Sechs Vizemeistertitel, vier Pokalfinals und fünf Abstiege. Die Hochkonjunktur für die Fahrradkette!
Der wegen der anstehenden deutschen Wiedervereinigung demnächst in die Geschichtsbücher eingehende DDR-Fußball hat in seiner letzten Saison 1990/91 eine eminent wichtige sportpolitische Hürde parat: Nur die ersten sechs Mannschaften des Vierzehnerfeldes qualifizieren sich für die Beletage (zwei Teams) und die Zweite Bundesliga (vier Vereine) im gesamtdeutschen Profifußball. Für das prophezeite Hauen und Stechen braucht es die entsprechenden Typen. Wer hat sie? Der weitblickende Hansa-Präsident Robert Pischke verpflichtet Uwe Reinders als neuen Cheftrainer. Der 35-jährige Ex-Nationalspieler, als Akteur ein sportliches Schwergewicht, als Trainer in Braunschweig noch ein Erfahrungssuchender, ist ein extrovertierter Zeitgenosse mit derbem Vokabular bei klarer Ansprache. Harakiri?
Hansas letzte Saison im ostdeutschen Fußball gerät zum Triumphmarsch. Reinders Ansagen sitzen, die Spieler machen mit – am Ende wird Hansa Meister, Pokalsieger obendrein. Reinders mutiert zum Volkshelden, denn eine Region fiebert mit ihm und der Mannschaft für die Bundesliga.
Hauptspiel. Hansas Debüt in der Bundesliga kann mit einem 4:0 gegen perplexe Nürnberger und einem 2:1 bei verdutzten Münchnern kaum besser verlaufen. Als schließlich eine Woche später die Dortmunder Borussia mit 5:1 aus dem Stadion geschossen wird und Hansa von der Tabellenspitze grüßt, schlägt die Euphorie schon hohe Wellen. Nur bei einem nicht: Gerd Kische. Der einstige Weltklassespieler hat Pischke als Präsident abgelöst und beobachtet mit zunehmendem Argwohn, wie Reinders mit dem Glorienschein versehen wird. Harakiri?
Die Realität im deutschen Profifußball macht auch vor Hansa nicht halt. Die Konkurrenz ist wehrhafter geworden, die Resultate sprechen für sich. Dennoch ist Hansa im Klassement noch gut dabei. Doch im Hintergrund mehren sich die Scharmützel zwischen den beiden Alphatieren Kische und Reinders. Erste Trainerkandidaten wie Klaus Toppmöller oder sogar der große Ernst Happel sind im Gespräch. Im Verborgenen, natürlich. Zum ganz großen Knall braucht es offenbar nur noch ein Spiel. Es ist dieses müde 0:0 gegen Duisburg vor knapp 10.000 Zuschauern im Ostseestadion an einem düsteren Freitagabend.
Nachspiel. Während Reinders in der Pressekonferenz nach dem Spiel erklärt, was alle sahen, tagt anderswo das Hansa-Präsidium und verkündet die fristlose Trainerentlassung „wegen mangelnder fachlicher Kompetenz“ (O-Ton Kische). Das Corpus delicti: Reinders soll vor dem Spiel auf dem Vereinscomputer eine Umfrage verfasst haben, in der die Spieler erklären sollten, nicht gegen den Trainer interveniert zu haben. Harakiri? In Windeseile fahnden ARD und ZDF nach schlüssigen Aussagen, interviewen fassungslose Spieler und bekommen nur das Statement eines Alphatieres, nämlich Reinders, ins Mikrofon. Von Kische gibt es erst viel später eine Einlassung.
Aber dafür ist anderthalb Tage später nach der Trainerentlassung bereits der neue Coach in Anmarsch: Erich Rutemöller. Der vormalige Bundesligatrainer und nun aktuelle Dozent der Kölner Sporthochschule schlägt im Umgang mit Spielern ganz andere Töne an als der verbale Raubauz Reinders. Doch die Kogge hat sich bereits in einem fatalen Strudel verfangen und die Crew vermag das Ruder in den verbleibenden Spielen nicht mehr herumzureißen. Für viele Fans steigt Hansa völlig unnötig aus der Bundesliga ab. Ein Fall von Harakiri!