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26.01.2026 10:47 Uhr

Denkwürdiges in Schlamm und Morast

Es ist der 3. März 1979. Noch ächzt das Land unter den Folgen des mit Schneemassen, Eiseskälte und Stürmen apokalyptisch aufwartenden Katastrophenwinters 1978/79, doch der nahe Frühling bringt die Hoffnung zurück. Und den Fußball. Man glaubt es kaum…

F.C. Hansa Rostock

Der F.C. Hansa hat schon zwei Wochen zuvor seinen ersten Härtetest im neuen Jahr: Aus den Schneewehen kämpft sich nach Berlin der Zug, ungewiss, ob er da jemals ankommt. In Lichtenberg holt der Union-Bus die Hansa-Fußballer ab und bringt sie in die Berliner Wuhlheide ins Stadion „An der Alten Försterei“. Knöcheltiefer Schnee, Fußballspiel nach dem Zufallsprinzip – Hansa gewinnt mit 1:0. Der unermüdliche Christian („Krischan“) Radtke im Nachsetzen. Ein souveränes 2:0 gegen Zwickau einen Spieltag später hievt die Norddeutschen auf Platz 11 in der Tabelle. Die Kogge hat das Selbstvertrauen am Enterhaken.

Anfang März ist in den DDR-Oberligastadien alles da, nur eines nicht: Rasen! Stattdessen Schlamm und Morast, riesige Wasserlachen und die bedrohlich dräuende Skepsis, ob unter diesen Umständen überhaupt etwas stattfindet. Doch! Fußball! Völlig paradox anmutend, aber wahr. Hansa trifft in Leipzig auf den 1.FC Lok. Dessen Bruno-Plache-Stadion ist natürlich unbespielbar. Also weichen die Teams auf die Riesenbetonschüssel des Zentralstadions aus. Rund 7.500 Zuschauer verlieren sich in dem Areal und gewinnen reichlich Erkenntnisse von einem der trefferreichsten und in jedem Fall spannendsten Spiele der Saison 1978/79. Beispiel die: Wer Lust auf Fußball hat, der zeigt sie auch.

Hansa führt früh 2:0. Jarohs und Mischinger, der eine überlegt, der andere nach feiner Kombination, schießen die Tore. Zwei Zeigerumdrehungen später steht es 2:2. Da ist die erste Halbzeit nur ein Vorgeplänkel der jungen Rostocker Wilden. In Hälfte Zwei geht es in die Vollen. Uteß (21 Jahre) bringt die Ostseestädter wieder in Führung, Mischinger (23) und Schulz (19) treiben im Schlamm das Spiel voran. Lok hat was dagegen, gleicht durch per Strafstoß im Nachschuss aus und bejubelt das 4:3. „Eiche“ Seerings „Faden“ zum 4:4 erschüttert die Leipziger nur kurz, denn Loks zweiter Strafstoß zum 5:4 ist quasi schicksalhaft. Oder doch nicht?

Drei Minuten vor Spielschluss bekommen die Hanseaten einen Strafstoß zugesprochen. Und Rainer Jarohs, der mit Abstand beste Spieler auf dem Platz (zwei Tore erzielt, an zwei weiteren maßgeblich beteiligt), trifft zum 5:5. Erst zweimal vorher (in den frühen 1950er-Jahren) gab es in der DDR-Oberligageschichte ein derartiges Resultat. Demzufolge eine Sensation!